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Wo Müllfahrzeuge Daten sammeln und Bahnhöfe Mobilitätshubs werden

Ob innovative Startups, alteingesessene Verkehrsbetriebe oder öffentliche Hand, in Berlin verfolgen die Unternehmen und Organisationen der Mobilitätsbranche ein gemeinsames Ziel: Change the way Berlin moves.

Tagtäglich sind sie im Einsatz; sie kümmern sich um unseren Müll, sammeln Abfälle auf und sorgen für saubere Straßen – Recyclingfahrzeuge spielen fürs Zusammenleben in Städten eine entscheidende Rolle. Kaum jemand sieht sie jedoch als Teil einer intelligenten Infrastruktur. Die 300 Müllfahrzeuge des Berliner Recyclingunternehmens ALBA werden eine Ausnahme sein. Sie sammeln nicht nur Tag für Tag den Abfall von zwei Millionen Haushalten in der Hauptstadt, sie sollen künftig auch Unmengen an Daten liefern: Mit verschiedenen Sensoren ausgestattet, könnten sie nicht nur die Müllmengen messen, sondern auch Luft- und Straßenqualität oder Funknetzabdeckung. Die gewonnenen Informationen sollen wiederum als Grundlage für innovative Smart-City-Anwendungen dienen. „Zukünftig werden unsere Fahrzeuge nicht mehr nur entsorgen, sondern weitere Services für Kommunen und Bevölkerung übernehmen“, hat Susanne Nitzsche, Leiterin der in Herbst 2017 gegründeten ALBA-Innovationseinheit Bluehouse Lab, eine ambitionierte Vision. An deren Umsetzung wird das Recyclingunternehmen aber nicht allein arbeiten. Im Rahmen des DataCity-Projekts machte sich ALBA Ende 2018 gemeinsam mit dem Innovation-Hub NUMA auf die Suche nach Startups, die die Recyclingfahrzeuge zu vernetzten Sensorplattformen machen.

Smarte Müllfahrzeuge

Fündig wurden die Innovationstreiber aus Berlin unter anderem in Stuttgart. Dort sitzt das Startup „Vialytics“,  spätestens bekannt in der Branche seit dem Gewinn des „Smart Country Startup Awards“ bei der jährlichen „Smart Country Convention“ 2018. 100 Bewerber aus ganz Deutschland hatten sich gemeldet und ihre innovativen Ideen für die Smart City vorgestellt. Das Team um Danilo Jovicic, Patrick Glaser und Achim Hoth hat sich gegen 100 Bewerber aus ganz Deutschland  durchgesetzt und sowohl Fachpublikum wie die Expertenjury des Awards von seiner smarten Lösung zur Erfassung und Auswertung des Straßenzustands überzeugt. Auch das Recyclingunternehmen ALBA war vom Konzept beeindruckt: Statt wie bisher menschliche Inspektoren auf die Suche nach Schlaglöchern oder Straßenschäden zu schicken, hat Vialytics eine lernende Software entwickelt, die über ein Smartphone läuft. Die modifizierten Geräte werden dann an der Frontscheibe von Fahrzeugen platziert und nehmen automatisch im Abstand von vier Metern Fotos von der Straße auf. Die Vialytics-Software wertet die Aufnahmen nach Richtlinie E EMI 2012 (Straßenerhaltungsmanagement) aus und identifiziert Straßen mit dem größten Reparaturbedarf. „In Baden-Württemberg ist das System bereits in 20 Kommunen im Einsatz“, erzählt Geschäftsführer Danilo Jovicic, „seit 2018 sind wir in der Serienphase.“ In PKWs hat Vialytics den Praxistest mit Bravour bestanden, doch funktionieren die Smartphones auch an Müllfahrzeugen? Und lässt sich das Daten- mit dem Müllsammeln vereinbaren? „Die Technologien harmonieren“, kann Jovicic mittlerweile bestätigen. Der Vialytics-Geschäftsführer ist selbst bei einer Mülltour auf Berlins Straßen unterwegs gewesen. „Nachdem das Handy angebracht und eingeschaltet war, habe ich mich bewusst nicht mehr auf unsere Technologie konzentriert“, erzählt er, „das System ist nebenbei und ohne zusätzlichen Aufwand mitgelaufen.“ Diese positiven Ergebnisse wurden  auch in Berlin präsentiert. Verhandlungen zu einer Ausweitung der Zusammenarbeit mit ALBA laufen, genauso wie erste Gespräche mit der Stadt Berlin selbst.

 

„Navi für den ÖPNV“

Startups sind aber längst nicht die einzigen Innovationstreiber der Branche. „Wir wollen zeigen, dass auch die großen Unternehmen etwas Großes zustande bringen“, mit diesen Worten präsentierte Sigrid Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) laut „Tagesspiegel“ im Oktober 2018 ein Gemeinschaftsprojekt von BVG und Deutsche Bahn. Entwickelt wurde ein neues Feature der BVG-App, das tatsächlich Großes verspricht. Es soll nichts Geringeres bieten, als ein „Navi für den Öffentlichen Personennahverkehr“ – ganz „schnell und cool“, wird die BVG-Chefin zitiert. Mobimeo, ein Tochterunternehmen der Bahn, hat neue Software-Bausteine entwickelt, durch die die BVG-App in Zukunft nicht nur die bekannten Fahrempfehlungen gibt. Sie weiß künftig, wo man ist, wählt in Echtzeit die beste Verbindung aus und rechnet dabei tagesaktuelle Störungen oder Baustellen mit. So kann sie zuverlässig sagen, ob man auf der Strecke von A nach B die U-Bahn nehmen soll oder doch mit einem Mietroller schneller ist. Letzteres ist eine weitere Innovation: Statt sich auf S- und U-Bahn sowie Busse des öffentlichen Nahverkehrs zu beschränken, sollen perspektivisch in die App auch Carsharing-Angebote von Car2Go, Leihfahrräder und Mietroller von Coup integriert werden. In weiterer Folge ist darüber hinaus eine Bezahlfunktion angedacht, bei der die App automatisch den Fahrpreis mitbestimmt – technisch kein Problem, wie heute schon der Anbieter FAIRTIQ (FAIRTIQ - Die einfachste Fahrkarte für die ganze Schweiz) in der Schweiz unter Beweis stellt. „Bald können Sie sich auch unkonzentriert durch Berlin bewegen“, so Sigrid Nikutta. „Ihr Handy sagt Ihnen schon, wo sie hinwollen.“. Als lernendes System speichert es die jeweiligen Mobilitätspräferenzen des Nutzers und wird nur die Verkehrsmittel empfehlen, die regelmäßig in Verwendung sind. „Wenn Sie nie mit Mietrollern fahren, wird das System Ihnen auch keine Mietroller mehr vorschlagen“, so Berthold Huber, Vorstand für Personenverkehr der Deutschen Bahn bei der Präsentation der neuen Technologie. Ab Anfang 2019 wird dieses Zukunftsszenario getestet, im Sommer soll die neue Funktion für alle Fahrgäste optional zugänglich sein. Berlin macht dabei nur den Anfang, soll doch das „Navi für den ÖPNV“ später auch den Verkehrsbetrieben in anderen Großstädten zur Verfügung gestellt werden. „Wenn man es in Berlin kann, kann man es überall“, ist Huber überzeugt.

U- und S-Bahnhöfe von heute, die Mobilitätshubs von morgen

Das scheint sich die BVG auch bei einem anderen Innovationsprojekt zu denken, das ebenfalls im Oktober 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Schritt für Schritt möchte man U- und S-Bahnhöfe in Berlin zu Verkehrsdrehscheiben, sogenannten „Mobilitätshubs“ umgestalten. Nichts Neues, möchte man meinen, kann man doch schon heute an Bahnhöfen zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln wechseln. Kann man, allerdings ist die Auswahl begrenzt und die Verfügbarkeit nicht immer gegeben.  Die neuen Mobilitätshubs sollen das ändern: In Zukunft sollen sich die Bahngäste darauf verlassen können, dass sie an der Haltestelle Busse, aber auch Car2Go-Autos, Elekroroller oder Fahrräder um Weiterfahren vorfinden. Doch nicht nur diese sollen bereitstehen und per Klick über eine App bestellt werden können. „Für den Berlkönig, unseren Ridesharing-Fahrdienst, könnte es Haltestellen geben“, wird BVG-Digitalvorstand Henrik Haenecke in der Berliner Zeitung zitiert, „Fahrradgaragen, Ladesäulen für Elektrofahrzeuge, Lastenräder, Packstationen und Taxihalteplätze wären weitere mögliche Elemente.“ Wie das Ganze in der Praxis funktioniert und vor allem, wie das Angebot von den Berlinern angenommen wird, sollen BVG-Pilotprojekte zeigen. „Mögliche Standorte für eine Erprobung könnten der S- und U-Bahnhof Lichtenberg oder auch der S-Bahnhof Zehlendorf sein“, sagte der BVG-Manager im Oktober. Weiterhin sollen unter anderem der Zentrale Omnibusbahnhof in Charlottenburg sowie die S-Bahnhöfe Anhalter Bahnhof, Storkower Straße und Treptower Park im Gespräch sein. „Welche Stationen es am Ende sein werden, wird sich aus den Gesprächen mit dem Senat und den Bezirken ergeben“, sagte Haenecke und kann sich solche Mobilitätshubs auch in neuen Wohnvierteln vorstellen, die derzeit in Berlin aus dem Boden sprießen. Eines sollen sie hier wie dort: Den Berlinern Alternativen bieten, sich frei, unkompliziert und mit den jeweils passenden Verkehrsmitteln durch ihre Stadt zu bewegen.

„Change the way Berlin moves“

Noch einen Schritt weiter in eine (barriere)freie Zukunft geht dieAccessible Transport for Berlin Challenge“. Präsentiert vom globalen Startup-Wettbewerb BETAPITCH und der „Toyota Mobility Foundation“, die seit 2014 die persönliche Mobilität für alle fördern möchte, handelt es sich dabei um eine Herausforderung der besonderen Art: Wie können die uneinheitlichen Höhenunterschiede auf Bahngeleisen ausgeglichen werden, sodass Rollstuhlfahrer oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität der Einstieg in den Zug leichter fällt? Oder wie können Sensoren und andere neue Technologien auch Seh- und Hörbehinderte ansprechen? Startups sind eingeladen, um auf diese und andere reale Herausforderungen heutiger Mobilität Antworten zu finden. Unterstützt wird der außergewöhnliche Wettbewerb von Deutscher Bahn, Berliner Verkehrsbetrieben, Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und Verkehrsbetrieb Potsdam. Die Verkehrsbetriebe sind es auch, die zahlreiche Fallbeispiele und Problemstellungen mitbringen. Für diese Herausforderungen gilt es innovative Lösungen zu finden, um die Mobilität in der Hauptstadt für sämtliche Gruppen – körperlich oder visuell beeinträchtigte genauso wie ältere Menschen – zugänglicher machen. Anfang April treffen sich die besten zehn, die mit ihren Ideen in der Vorauswahl punkten konnten, im Innovationshub „betahaus Berlin“. Dort können sie ihre Projekte vor einer Expertenjury präsentieren, die schließlich die Gewinner kürt. Neben einem Preisgeld lockt vor allem eine große Chance: Die Lösungen werden nicht in der Schublade verschwinden, sondern sollen mit einem oder mehreren der Verkehrsbetriebe in Berlin oder im Berliner Umland umgesetzt werden. Getreu dem Motto der Accessible Transport for Berlin Challenge, an der sämtliche Akteure der Mobilitätsbranche mit Hilfe smarter Technologie arbeiten: Change the way Berlin moves.

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