© Ralf Ruehmeier

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Sozialhelden gewinnen Deutschen Nachhaltigkeitspreis

Elevate sammelt Echtzeit-Daten zum Funktionsstatus von Aufzügen in ganz Deutschland. Damit soll die Mobilität für viele Menschen im Alltag erleichtert werden.Der Preis wird zum achten Mal in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vergeben und widmet sich in diesem Jahr dem Schwerpunktthema „Urbane Mobilität“. “Es ist eine große Ehre neben Größen wie Greta Thunberg und Mick Hucknall mit dem Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet zu werden. Und besonders freut uns, dass es ein Publikumspreis ist und sehr viele Menschen für uns abgestimmt haben“, sagt Sozialhelden-Gründer Raul Krauthausen nach der Bekanntgabe der diesjährigen Gewinner. Denn eine barrierefreie Planung ist ein großer Pfeiler der Nachhaltigkeit. Nur wer sich in einer Gesellschaft frei bewegen kann, kann diese auch mitgestalten,” so Krauthausen weiter.

Das Projekt Elevate sieht der Aktivist und Rollstuhlfahrer dabei als gutes Beispiel einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, an der Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam arbeiten müssen.

Hintergrund:

Aufzüge sollen mobilitätseingeschränkten Menschen wie Rollstuhlfarer*Innen, Familien mit Kinderwagen oder Menschen mit schwerem Gepäck ein barrierefreies Vorankommen sichern. Doch ist beispielsweise an einem U-Bahnhof kein Aufzug vorhanden oder ist dieser außer Betrieb, stellt dies mobilitätseingeschränkte Menschen vor erhebliche Herausforderungen. Hier bedarf es einer alternativen Routenführung. Allerdings berücksichtigen insbesondere Routingdienste aufgrund fehlender Aufzugsdaten bisher noch nicht, ob ein Aufzug in Betrieb ist oder nicht. 

Flächendeckender Informationsservice

Der Berliner Verein Sozialhelden e.V. hat vor zwei Jahren mit Elevate ein Projekt gestartet, das die Integration von bundesweiten Aufzugs-Störungsmeldungen in Informationsdienste ermöglichen soll. Gefördert wird das Projekt durch den mFUND vom Bundesministerium für Verkehr und digitaler Infrastruktur (BMVI). „Wir wollten in einem ersten Schritt schauen, wie digital Aufzüge in Deutschland sind und ob wir die Informationen, ob ein Fahrstuhl gerade funktioniert, nutzen können“, erläutert Projektleiter Jonas Deister von den Sozialhelden. 

Ziel des Projekts sei es, die Voraussetzungen für einen bundesweiten und flächendeckenden Informationsservice zu schaffen, so Deister weiter. Der Service soll den Reisenden schon im Vorfeld anzeigen, ob der Aufzug, den sie benutzen wollen, einsatzfähig ist oder nicht. Zudem könnten diese Informationen so in gängige Routingdienste und Reiseauskünfte Einzug finden.

Eine Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte

Dafür arbeitet der Verein bundesweit mit Verkehrsbetreibern zusammen, um Informationen zu Aufzugsstörungen zu sammeln und diese einheitlich auf Webseiten darzustellen. Ob ein Aufzug im öffentlichen Nahverkehr funktioniert oder nicht, wird in Echtzeit auf Wheelmap.org, einer Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte, angezeigt. Aktuell sind auf der Onlinekarte 3.331 Aufzüge zu finden. 

Bereits vor einigen Jahren hat der Berliner Verein Sozialhelden das Projekt BrokenLifts.org ins Leben gerufen. Dafür wurde gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der S-Bahn Berlin und den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) eine Übersichtsseite online gestellt, die über aktuelle Aufzugsstörungen informiert. Die Seite BrokenLifts.org stößt auf hohe Resonanz, sie wird täglich von mehreren tausend Menschen besucht und gewann 2016 den Deutschen Mobilitätspreis. “Für uns war das eine Motivation, das Projekt auszuweiten und noch mehr Daten von Aufzügen außerhalb von Berlin und Brandenburg zu bekommen,” sagt Raúl Krauthausen, Initiator des Projektes und Sozialhelden-Gründer, der selbst einen Rollstuhl nutzt: „Es passiert leider vielen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern immer noch, dass sie in einer S- oder U-Bahn-Station einen Aufzug vorzufinden, der gerade außer Betrieb ist. Für die betroffenen Personen ist das jedes Mal sehr ärgerlich, denn es bedeutet häufig, dass man zu spät kommt oder zumindest erhebliche Umwege hat, die man nicht einplanen konnte.“  

Neben der technischen Schnittstelle und Infrastruktur erarbeitet der Verein im Projekt Elevate außerdem eine Lösung für die Aufzüge, die noch nicht digitalisiert sind, bzw. deren Daten über den Betriebsstatus noch nicht automatisch erfasst werden. Dies geschieht mit Hilfe eines Sensors, mit dem Aufzüge einfach und kostengünstig nachgerüstet und damit digitalisiert werden können: „Mit Elevate haben wir mehr Bewusstsein geschaffen für die Notwendigkeit der Digitalisierung von Aufzügen und seinem Mehrwert für die Gesellschaft“, so Krauthausen.

Elevate Delta – ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung 

Doch nicht nur die Aufzüge im öffentlichen Personal- und Fernverkehr stellen mobilitätseingeschränkte Menschen vor große Herausforderungen: Bei dem neuen Projekt „Elevate Delta“ arbeitet der Verein Sozialhelden gemeinsam mit der ubrich GmbH an der weiteren Digitalisierung: Geplant ist ein Sensor für Aufzüge, der automatisch funkt, wenn der Fahrstuhl defekt ist und diese Daten stehen dann offen zur Verfügung. Damit sollen kostengünstig ältere Aufzüge nachgerüstet werden – und zwar nicht nur an Bahnhöfen, sondern auch in Hotels, Einkaufszentren, Veranstaltungsorten und Bildungseinrichtungen. „Unser Ziel dabei ist es auch, barrierefreie Routingdienste zu ermöglichen“, so Deister. 

Mit der Forschungsinitiative mFUND (Modernitätsfonds) fördert das BMVI seit 2016 Forschungs- und Entwicklungsprojekte rund um digitale datenbasierte Anwendungen für die Mobilität 4.0. Neben der finanziellen Förderung unterstützt der mFUND mit verschiedenen Veranstaltungsformaten die Vernetzung zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Forschung sowie den Zugang zum Datenportal mCLOUD.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist die nationale Auszeichnung für Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Kommunen und Forschung. Mit sieben Wettbewerben, über 800 Bewerbern und 1.200 Gästen zu den Veranstaltungen ist der Preis der größte seiner Art in Europa. Die Auszeichnung wird vergeben von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung, kommunalen Spitzenverbänden, Wirtschaftsvereinigungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungseinrichtungen.