© Matthias Friel

Smart City Berlin: Was bedeutet das konkret auf Kiezebene?

Berlin hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Bis 2050 will es klimaneutrale Stadt sein. Dafür plant es, seine CO2-Emissionen gegenüber 1990 um mindestens 85 Prozent zu senken. Das soll in kleinen Schritten erfolgen: Bis 2020 ist eine Reduktion um 40 % vorgesehen und bis 2030 um mindestens 60 %.

Emissionen zu reduzieren, während die Wirtschaft weiter wächst und der Verkehr gleichzeitig zunimmt, gleicht der „Quadratur des Kreises“. Es kann nur funktionieren, wenn erneuerbare Energien noch stärker ausgebaut werden und gleichzeitig auf eine höhere Energieeffizienz geachtet wird, zum Beispiel bei der Sanierung von Gebäuden. Darüber hinaus wird über sogenannte Pooling- und Sharing-Konzepte vermehrt nachzudenken sein und das nicht nur im Bereich Verkehr und Mobilität. Wer zum Beispiel zu viel Energie für den eigenen Verbrauch produziert, sollte sie kostengünstig, schnell und unkompliziert mit anderen in der Nachbarschaft teilen können, die einen erhöhten Bedarf und womöglich begrenzte finanzielle Mittel haben.

Tempelhof-Schöneberg

Mit genau diesen Ideen „spielt“ man zurzeit in Tempelhof-Schöneberg. In der Winterfeldtstraße 21 befindet sich auf einem der Telekom gehörenden Gelände ein Blockheizkraftwerk, das Strom und Wärme produziert. Was die Telekom nicht selbst braucht, gibt sie an ihren Nachbarn, die Spreewaldschule, ab, die dadurch ihre Heizkosten um ein Viertel senken und gleichzeitig ihre Emissionen reduzieren konnte. Das Projekt firmiert unter dem Namen „Energiewende unter Nachbarn“ und ist eine sogenannte privat-öffentliche Partnerschaft. Das bedeutet, dass sich ein Unternehmen mit einem öffentlichen Träger zusammenschließt, weil es ein gesellschaftliches Interesse gibt, das über ein reines Geschäftsinteresse hinausgeht. Pädagogisch ist das Projekt ebenfalls sinnvoll, weil es den Schülern Herausforderungen und mögliche Lösungen der Energiewende ganz plastisch erklärt.

Damit noch nicht genug: Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg kann noch weitaus mehr. Muss er auch, schließlich will er sich in den kommenden Jahren als „Zero City“ etablieren und in Brüssel für das auf Forschung und Innovation abzielende EU-Förderprogramm „Horizon 2020“ ins Rennen gehen.

Ein weiteres echtes Vorzeigeprojekt ist der drittgrößte Fernbahnhof der Hauptstadt: das Südkreuz, auch „Bahnhof der Zukunft“ genannt . Hier erprobt die Deutsche Bahn nachhaltige Mobilitäts- und Stromversorgungskonzepte. Auf dem Bahnhofsdach wird mit Solarzellen und Windrädern Strom erzeugt. In einem intelligenten Netz – dem Smart Grid – wird dieser zwischengespeichert und steht dann verschiedenen Anwendungen wie Elektrorädern, Elektroautos und der ersten Elektrobus-Linie der BVG zur Verfügung. Außerdem wird dort mit „intelligenten Schließfächern“ experimentiert – und zwar sowohl für Räder, um sie vor Diebstahl zu sichern und vielleicht sogar gleich noch einen Koffer zwischenzulagern, als auch für Lebensmittel, Kühlung eingeschlossen.

Schöneberg

Bei der Entwicklung des Smart Grid halfen die Erfahrungen, die man auf dem nicht weit entfernten, rund um das Gasometer gebauten Euref-Campus (Europäisches Energieforum) sammeln konnte. Dort wird durch rund 100 Unternehmen, Startups und Forschungseinrichtungen mit Hochdruck zu den Themen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität geforscht. Der Euref-Campus ist so etwas wie ein Kristallisationspunkt für die Smart City-Strategie der Hauptstadt. Die Bundesregierung hat ihn zum Forschungscampus auserkoren, an dem untersucht werden soll, wie eine Versorgung mit Strom, Wärme und Verkehr langfristig bezahlbar, sicher und vollständig auf der Grundlage erneuerbarer Energien gewährleistet werden kann.

Wenig überraschend, befinden sich auf dem Gelände eine Elektro-Carsharing-Station und Leihfahrräder; außerdem kann man Elektroroller mieten. Klar, wenn nicht hier, wo sonst?

Ebenfalls in Schöneberg residiert die ehemals von Schultheiß erbaute Malzfabrik, deren Betrieb Mitte der 1990-er Jahre geschlossen wurde. 2005 wurden die Tore nach einer energetischen Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude erneut geöffnet. Heute wird die Malzfabrik nach ökologischen Gesichtspunkten für Kunst und Kultur genutzt, außerdem kann man Büroräume mieten. Nachhaltigkeit wird groß geschrieben. Das reicht von den Toilettenspülungen, mit Hilfe derer bis zu 50 Prozent Wasser gespart werden kann, über aus recyceltem Material selbst gebaute Sitzmöbel und Fahrradständer bis hin zur Wasserfilteranlage, dank der niemand mehr Wasser aus Plastikflaschen kaufen muss. Für ihre grünen Ideen hat die Malzfabrik schon mehrere Preise eingesammelt. Vollkommen zu Recht und verdientermaßen!!

Moabit

Doch nicht nur Schöneberg denkt innovativ. Spannende Experimente in puncto Zukunft laufen auch in anderen Stadtteilen – zum Beispiel in Moabit West, dem größten innerstädtischen Industrie- und Gewerbegebiet Berlins. Stromverbrauch und Verkehrsaufkommen sind dort zwangsläufig höher als in anderen Stadtteilen. Das stellt eine besondere Herausforderung für den Klimaschutz und die damit verbundene Lebensqualität der Bewohner dar. Ein ThinkTank wurde deshalb beauftragt, grüne Lösungen zu erarbeiten, die sich teilweise aktuell in der Phase der Umsetzung befinden. Dazu zählen ein Solarkraftwerk, eine Bürgerakademie zum Thema Nachhaltigkeit, ein integratives Regenwasserkonzept sowie Strategien für effiziente Wärmeversorgung.

Eng damit verbunden, ist das EU-Projekt Smart Sustainable District (SSD), an dem Moabit West als einziges deutsches Quartier teilgenommen hat.

Klausnerplatzkiez

Etwas weiter westlich wird der Klimaschutz mindestens ebenso sehr ernst genommen. Der Klausnerplatzkiez hat als erstes Berliner Quartier ein eigenes Klimaschutzkonzept auf den Weg gebracht. Zudem haben Anwohner ein Gesamtkonzept für nachhaltige Entwicklung erarbeitet – ehrenamtlich versteht sich. Sie sehen ihr Engagement als „Verpflichtung“ an sich, unentgeltlich für die Zukunft und die ihrer Kinder einzusetzen. Dies kann auch gar nicht mit einem „Preisschild“ versehen werden.

Empfehlungen