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Open Data ist der Schlüssel

Öffnungszeiten, Fahrpläne oder öffentliche Trinkwasseranlagen – frei zugängliche Daten gelten immer häufiger als wertvoller Rohstoff. In Berlin nutzt man das Potenzial des digitalen Goldes erfolgreich, um die City smarter zu machen.

Berlin setzt auf „Digitales Gold“

Das Stromnetz Berlin macht es seit Jahren. Das Deutsche Archäologische Institut hofft, damit internationale Wissenschaftler anzulocken. Und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg erleichtert dadurch rund 3,74 Millionen Fahrgästen täglich das Leben. Die Rede ist von Open Data – Daten also, die der Allgemeinheit zur freien Nutzung zur Verfügung stehen. Etwa 1.700 solcher Datensätze aus öffentlicher Verwaltung, von Wissenschafts- und Kultureinrichtungen, aber auch privatwirtschaftlichen Unternehmen stehen auf der Website www.daten-berlin.debereit. Seit dem Launch im Jahr 2013 werden es laufend mehr.

Unendliche Daten – unendliches Potenzial

In Irland, Norwegen und den Niederlanden hat sich Open Data längst etabliert. Spätestens seitdem im Mai 2017 die Bundesbehörden via E-Government-Gesetz verpflichtet wurden, offene Daten bereitzustellen, sind die zunehmende Bedeutung und Popularität von Open Data auch hierzulande unumstritten. Mittlerweile wird dem „Digitalen Gold“ – wie es die Technologiestiftung Berlin in der Studie „Digitales Gold“ 2014 bezeichnet – ein eigener Tag gewidmet: Beim Berlin Open Data Day, der von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe initiiert wird und 2018 in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer FOKUS und dem Kompetenzzentrum Öffentliche IT stattfand. Dort werden alljährlich offene Fragen behandelt, vor allem aber das Potenzial der neuen Technologie diskutiert. Dieses ist erwiesenermaßen groß. „Die Wissenschaft kann die Daten für ihre Forschungsprojekte nutzen“, nennt Open-Data-Expertin Victoria Dykes die vielfältigen Möglichkeiten, „die Wirtschaft kann die Daten in ihre Geschäftsmodelle mit einbeziehen, und die Forschung und Entwicklung kann nützliche Anwendungen aus den Daten erstellen. Und nicht zu vergessen: Die Verwaltung selbst profitiert sehr von offenen Daten, da die Beschäftigten ja auch oft Bedarf an Daten aus anderen Referaten haben.“ Über 30 Millionen Euro jährlich könnten aus Geschäftsgründungen oder schnellerer Informationsweitergabe in Berlin gewonnen werden, so die Studie.

„Daten in Form von Handouts reichen nicht“

Voraussetzung dafür sei eine konsistente Open-Data-Strategie, wird von Seiten der Technologiestiftung Berlin betont. Während an dieser noch gearbeitet wird, sind andere Meilensteine bereits gesetzt: Im Mai 2018 wurde die Open-Data-Informationsstelle ODIS der Technologiestiftung gegründet, um bisherige Hürden in Sachen offene Daten zu überwinden. Neben der Verunsicherung darüber, welche Daten sich für eine Veröffentlichung eignen fehlten Standards und das technische Know-how für eine erfolgreiche Umsetzung. Unklar war außerdem, wie hoch der personelle Aufwand in den einzelnen Bereichen sein würde. „Einfach nur Daten in Form von Handouts zu veröffentlichen, reicht ja nicht“, kennt Victoria Dykes die Herausforderungen aus Erfahrung. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei ODIS unterstützt sie Bezirke und Senatsverwaltungen, bietet Schulungen für Mitarbeiter an, erarbeitet Vorgaben zur Datenveröffentlichung und stellt Software-Tools zur Verfügung. Dabei wird genau überprüft, dass ausschließlich Daten von allgemeinem Interesse wie etwa Öffnungszeiten von Ämtern veröffentlicht werden. „In der Open Data Community existiert ein genereller Konsens, dass Open Data keine personenbezogenen oder sicherheitsrelevanten Daten umfasst“, betont die ODIS-Verwalterin, „wir nehmen Datenschutz sehr ernst und prüfen vor jeder Veröffentlichung gründlich, ob mögliche Datenschutzkonflikte entstehen können.“ Mittelfristiges Ziel der Stelle, die mit einer Zuwendung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe ins Leben gerufen wurde, ist ein zentraler Veröffentlichungsplan und Datenkatalog. „Ich denke auch über Automatisierungsprozesse für die Datenpflege nach“, so die studierte Verwaltungsmanagerin, „wir sind sehr bestrebt, hier die Technik arbeiten zu lassen, wo immer es möglich ist.“ Letztere wird wohl auch bei einem anderen Langzeitprojekt, einer Daten-Inventur nämlich, zum Einsatz kommen. „Bislang hat eigentlich niemand eine wirkliche Übersicht über alle Verwaltungsdaten“, begründet die Expertin die Notwendigkeit, „deshalb ist es oft schwierig zu sagen, welche Daten im Portal noch fehlen – man müsste ja erstmal wissen, welche Daten überhaupt existieren.“

Wer suchet, der findet

OpenStreetMap, 3D-Gebäudedaten, Luftbilder und Karten, Einwohnerstatistiken und natürlich die Daten zum öffentlichen Personennahverkehr des VBB – diese „Standardinformationen“  werden am häufigsten aufgerufen. Auch der älteste Datensatz auf www.daten-berlin.de, die Sammlung von 14 Radrouten durch die Hauptstadt, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Einsehen kann sie jeder, der möchte und die Geduld hat, sich durch die Flut an Datensätzen zu wühlen. „Die Realität ist aber (...), dass nicht jeder Zeit und Lust hat, sich mit Rohdaten zu beschäftigen“, erklärt Victoria Dykes, die ODIS auch als Brücke zu den Usern sieht, „deshalb freuen wir uns besonders über Anwendungen, die solche Daten allgemeinverständlich aufbereiten und zugänglicher machen.“ Waren etwa die Wasserdaten des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) bisher auf einer unübersichtlichen Internetseite gelagert, können Interessierte jetzt auf badegewaesser-berlin.de die Wasserqualität aller Badestellen Berlins tagesaktuell und auf einen Klick finden. Das Kitaverzeichnis http://www.kita-suche.berlin wiederum macht Eltern die Suche nach der geeigneten Tagesstätte für den Nachwuchs leichter. 

Niedrige Einstiegshürden für Startups

Die offenen Datensätze werden aber nicht nur von Berlinerinnen und Berlinern im Alltag eingesetzt. Mithilfe der Open Data können Ideen wie intelligente Parkhilfen, Beleuchtungssysteme und virtuelle Kraftwerke umgesetzt werden. Oder die Infrastruktur für Zweiräder in der Stadt verbessert werden, wie das Beispiel von FixMyBerlin zeigt. Mit Unterstützung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und der Berliner Bezirksämter nutzt diese Initiative die Daten der Radrouten als Schlüssel, um zu einer höheren Lebensqualität beizutragen. An diesem Ziel arbeiten auch zahlreiche Startups wie die kostenlose App ally, die mittels Live-Daten die optimale Fortbewegung in der Stadt empfiehlt. Integriert sind neben den Daten des öffentlichen Nahverkehrs auch Mobilitäts-Services wie Carsharing-Dienste. Es ist nur eines von zahlreichen Startups, das aus offenen Geodaten neue Mobilitäts- und Informationsangebote schafft, Wirtschafts- und Strukturdaten für komplexe Analysen nutzt oder Forschungsdaten als Entscheidungshilfe für Verbraucher aufbereitet. „Gerade aufgrund der lebendigen Startup-Szene haben wir in Berlin die Chance, Vorreiter bei der urbanen Digitalisierung zu werden“, ist sich Victoria Dykes sicher, „digitale Anwendungen benötigen aber Daten. Wenn diese Daten offen sind, bedeutet das für Startups sehr viel niedrigere Einstiegshürden. So können neue, datengetriebene Dienste entstehen, ohne, dass Daten erst aufwändig beschafft oder eingekauft werden müssen.“.

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