Klimastreik © Sirplus

Berlin goes Zero Waste

Vom klassischen Entsorger bis zum Unverpackt-Laden: Mit über 400 Unternehmen und 8.500 Beschäftigten ist die Kreislaufwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Berlins mit großem Wachstumspotenzial. Die Stadt hat sich dem Leitbild Zero Waste verschrieben. Es bleibt ein anspruchsvolles Ziel, auch wenn Berlin schon einige gute Beispiele aufzeigen kann. 

Überfüllte Mülleimer und Zigarettenstummel auf den Straßen: Für manch einen gehört eine Portion (kreatives) Chaos zum Berliner Stadtbild. Pro Jahr produziert jeder Bewohner der Metropole rund 380 Kilogramm Müll. Insgesamt entstehen so jährlich bis zu 800.000 Tonnen Müll. Allein 30.000 Plastiktüten und 20.000 Einwegbecher werden pro Stunde verbraucht –. „Wir wollen weg von der Müllhauptstadt und hin zur Zero-Waste-Stadt“, formuliert der Landesvorsitzende der Grünen, Werner Graf, 2018 eine Forderung, die ein Jahr später vom Berliner Senat als Leitbild beschlossen wurde: „Wir entwickeln für Berlin eine moderne und umweltfreundliche Kreislaufwirtschaft“, so Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Dafür soll das Abfallwirtschaftskonzept (AWK) 2020-2030 eine konkrete und umsetzbare Zero-Waste-Strategie beinhalten und stärker als bisher auf den Ausbau der Abfallvermeidung und Wiederverwendung sowie des Recyclings abzielen. „Es geht darum, weniger Abfall zu erzeugen und Reststoffe als Rohstoffe wieder zu nutzen", meint Günther, „damit leisten wir auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Nur, wenn wir uns schnell von der Wegwerfgesellschaft verabschieden, werden wir zu einer nachhaltigen Entwicklung kommen können.“

 

Für Umwelt und Wirtschaft

Unter dem Motto „Wiederverwenden statt wegwerfen“ hat die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereits 2018 die Initiative Re-Use Berlin gestartet. Neben Sammel- und Verkaufsaktionen sollen demnächst in Kaufhäusern der Zukunft gebrauchte Utensilien aus Privathaushalten neue Besitzer finden. Schließlich sind durchschnittlich 244 Gegenstände pro Haushalt noch funktionstüchtig, werden aber nicht mehr verwendet. Am ökologischen Bewusstsein der Berliner Bevölkerung wird das Projekt nicht scheitern: Second Hand Shops und Ökomärkte sind im Straßenbild allgegenwärtig, Bürgerinitiativen halten ihren Kiez sauber. Forschungseinrichtungen sowie Institute wie das Fachgebiet „Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie“ an der Fakultät Prozesswissenschaften der TU Berlin oder das europäische Verbundprojekt CloseWEEE am Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration behandeln Querschnittsfragen wie die energetische Verwertung einzelner Abfallströme und deren Optimierung. Kreislaufwirtschaft ist nicht nur gut für die Umwelt. Mit über 400 Unternehmen und 8.500 Beschäftigten zählt die Branche zu einem wachsenden Wettbewerbsfaktor in Berlin. Dazu tragen im größtenzusammenhängenden Entsorgungsraum Deutschlands nicht nur die klassischen Entsorgungsunternehmen bei, sondern auch Technologieentwickler und Start-ups, die gemeinsam neue Ideen für Abfallvermeidung, -trennung und Wiederverwertung entwickeln. 2016 wurde mit dem CRCLR Haus in Neukölln, dem ersten Berliner Zentrum für zirkuläre Wirtschaft, ein Heim für den kreativen Austausch zwischen Institutionen, aber auch interessierten Personen geschaffen. Seither entstehen im Think- und Do-Tank Konzepte, Handlungsempfehlungen und Pilotprojekte. Außerdem beraten die Initiatoren zu Themen der Kreislaufwirtschaft, Müllvermeidung und Bürger-Aktivierung.

Trenntstadt Berlin

2010 gegründet, wird diese Initiative getragen von der Berliner Stadtreinigung, ALBA - einem Entsorger für Gewerbe, Handel, Industrie und Bauwirtschaft - der Stiftung Naturschutzsowie Berlin Recycling und der Bartscherer & Co. Recycling GmbH  Mit zahlreichen Aktionen und Angeboten möchte die Trenntstadt Berlin-Initiative das Bewusstsein der Berlinerinnen und Berliner stärken und sie zum richtigen Trennen des Mülls animieren. Der Aktionstag „Abfallfreitag“, der 2019 zum zweiten Mal stattfand, soll anregen, Produkte wertzuschätzen, statt wegzuwerfen. Auf ReMap[1] , eine Karte, die ebenfalls aus Mitteln der Trenntstadt Berlin gefördert wird, findet jeder den umweltfreundlichsten Weg, Kleidung, Küchengeräte oder Bücher weiterzugeben, zu tauschen oder zu entsorgen. Die interaktive Karte des BUND Bundesverbandes „Deutschland plastikfrei“wiederum zeigt auf, wo es Einkaufsmöglichkeiten „frei von Plastik“ in Berlin und anderswo gibt. Supermärkte wie „Original Unverpackt“ oder „Der Sache wegen" dürfen da nicht fehlen, ebenso wenig wie die Neuköllner Weinhandlung „Balera" , wo Wein direkt vom Fass abgefüllt werden kann. Perfekt ins Bild passt Deutschlands erstes „Frea" in Berlin-Mitte, welches Abfall und Müll möglichst komplett vermeiden möchte: Das Gemüse kommt von lokalen Bio-Bauern in Kisten, Öl- und Essigflaschen laufen über ein Pfandsystem und Trockenware wird in 25-Kilo-Säcken in recycelbarem Papier geliefert. Der Rest wird selbst hergestellt. Wenn doch einmal etwas übrigbleibt, dann ist „Gersi" an der Reihe: Die Kompostiermaschine verwandelt in nur 24 Stunden etwaige Lebensmittelreste in Kompost, den die Bauern dann wieder auf ihre Felder streuen.

 

Der beste Müll entsteht erst gar nicht

Den Lebensmittelresten geht auch der Berliner Raphael Fellmer an den Kragen – genauer gesagt, den geschätzten 1.200 Tonnen im Monat, die in Berlin und Brandenburg unnötigerweise im Abfall landen. Nach der Mitgründung von „Foodsharing“, einer Plattform, auf der Betriebe und private Personen essbare Lebensmittel zum Verschenken anbieten, hat er das Unternehmen SirPlus gegründet: In lokalen Supermärkten in Berlin-Wilmersdorf, Steglitz, in der Markthalle Neun in Kreuzberg und im Berliner Ostbahnhof verkauft er gerettete Lebensmittel. Außerdem beliefert er Gastronomen zu günstigeren Konditionen und bestückt Automaten - sogenannte „Rett-O-Maten“ - in Coworking-Spaces und Universitäten mit Knabbereien wie Popcorn, Chips, Müsliriegeln, Nüsse, alkoholfreien Getränken und Fertigmahlzeiten, die entweder kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen oder bereits abgelaufen sind. Ein weiteres Asset von SirPlus ist ein digitaler Marktplatz, über den „Retterboxen“ und „StartUp-Retterboxen“ mit Snacks sowie Tee oder Kaffee erworben werden können. „Bis 2030 möchten wir dazu beitragen, die Verschwendung um 50 Prozent zu reduzieren, wie die EU es sich vorgenommen hat", hat der aktive Gründer große Pläne. 

Auch in der Modeindustrie wachsen die Ambitionen nachhaltiger zu agieren. Mit gutem Beispiel geht Ina Budde voran, gemeinsam mit anderen Experten hat die Berliner Designerin die Closed-Loop-Plattform Circular Fashion gegründet und rückt damit einer weiteren Verschwendungsindustrie auf den Leib: der Modebranche. Wie notwendig das ist, zeigt ein Statement der Ellen MacArthur Foundation. Nur ein Prozent aller Bekleidung wird recycelt und zu neuer Bekleidung verarbeitet, heißt es dort. Genau das möchte Circular Fashion ändern. Kleidung soll nicht nur so lange wie möglich haltbar werden, sondern nach dem cradle-to-cradle-Prinzip wiederverwertet oder recycelt werden. All das gelingt nur mit den richtigen Materialien, Designs und Herstellungs-, Verwendungs- und Recyclingmethoden. Das Wissen darüber vermitteln die kreativen Berliner an Material-Lieferanten, Mode-Labels und Recycler in Workshops und reiner Circular Fashion Software. Auf Letzterer können etwa Designer über den Circular Product Check prüfen, ob Materialien und Herstellung das gute Stück wiederverwertbar machen. Diese Informationen werden in einer eigens entwickelten ciruclarity.ID gespeichert und an der Kleidung angebracht, um später Konsumenten wie Sortierer über eine mögliche Wiederverwertung zu informieren.

Ressourcen für die Zukunft 

Textilien und Mode gehören zu den vier Industrien mit dem größten Potenzial in Sachen Kreislaufwirtschaft - zu diesem Schluss kam eine Untersuchung des Vereins Circular City – Zirkuläre Stadt e.V. gemeinsam mit EIT Climate-KIC. Auch Lebensmittel und Biomasse, Materialien und Produkte sowie Bauwesen zählen zu den Hoffnungsträgern, dass das Team aus Strategen, Forschern sowie Designern identifiziert hat. Beim Erkennen allein blieb es nicht: Unterstützt durch Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie, TU Berlin und visitBerlin - um nur einige zu nennen - beteiligt sich die Plattform an der Realisierung vielversprechender Projekte. Das einjährige Pilotprogramm Kreislaufwirtschaft an einer Volksschule in Berlin-Karlshorst zählt genauso dazu wie die Entwicklung einer Kalender-App, die sämtliche Veranstaltungen zu Zero Waste, Nachhaltigkeit und Circular Economy unter einen Hut bringt.Ob Kleidertauschpartys, Repaircafés oder Kieztauschfeste - Events wie diese wird es künftig in Friedrichshain-Kreuzberg immer mehr geben: Bald möchte der Bezirk nämlich nicht mehr für Superlativen wie die höchste Bevölkerungsdichte auf kleinster Fläche und die meisten Clubs bekannt sein. Vielmehr will Friedrichshain-Kreuzberg dem Müll zu Leibe rücken. Das Anti-Abfall-Konzept des Bezirks sieht etwa das Installieren wetterbeständiger Grillstationen samt Ausleih- und Reinigungsoptionen für Geschirr, Gläser und Grillzubehör in Parks vor. Pfandringe und -kästen an Hotspots im öffentlichen Raum sollen zum besseren Recyclen anregen und Pfandflaschensammlern bleibt außerdem das Wühlen im Müll erspart. Durch Ballot Bins - große auffällig gestaltete Hängeaschenbecher - erhofft sich die Bezirksverwaltung, weniger Kippen auf Wegen und Parks zu finden.

Angesichts Initiativen wie dieser scheint eines klar: die Berliner Kreislaufwirtschaft ist– frei nach Klaus Wowereit – nicht nur „smart, sondern auch sexy“ machen.

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