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Auf gute Nachbarschaft

Urbane Gesellschaften vor allem in Städten sind oftmals mit wachsender Einwohnerzahl mit einer zunehmenden Anonymisierung der Bewohnerinnen und Bewohner verbunden. Eine Möglichkeit dies zu ändern und andere Menschen im Kiez kennenzulernen sind Nachbarschaftsportale im Netz. 

Rund 3,6 Millionen Einwohner leben in Berlin – Tendenz steigend. Doch der urbane Fortschritt hat auch seine „Schattenseiten“. Viele Hauptstädter kennen nicht einmal ihre nächsten Nachbarn.  Immer mehr Portale und Initiativen haben es sich zum Ziel gesetzt, Menschen in ihren Kiezen analog und digital einander näherzubringen. Dass das viele anspricht zeigen Websites wie nebenan.de, konfetti.app oder fr;)ndly Berlin, wo der Zulauf stetig wächst.

Bei den Nachbarschaftsportalen handelt es sich um soziale Netzwerke, die, ähnlich wie Facebook, Menschen miteinander verbinden, damit sie sich austauschen können. Die Idee dahinter ist einfach: Nachbarn sollen aus der Anonymität geholt und zusammen-gebracht werden, um sich gegenseitig den Alltag zu erleichtern und zusammen auch den Kiez weiter zu entwickeln. Die Plattformen achten dabei darauf, dass nur „echte“ Nachbarn vernetzt werden, damit sie sich auch sicher und persönlich austauschen können. 

nebenan.de: Das bundesweit größte Nachbarschaftsportal

Ein prominentes Beispiel ist das Portal nebenan.de. Auf der vor vier Jahren gegründeten Plattform können sich Nutzer, die in derselben Nachbarschaft leben, zu Gruppen zusammenschließen, sich online austauschen oder Hilfe anbieten. Mit 1,1 Millionen Mitgliedern und mehr als 150.000 aktiven Nutzern ist nebenan.de das bundesweit größte Nachbarschaftsportal. Bereits seit einem Jahr arbeitet der Berliner Bezirk Lichtenberg mit dem sozialen Netzwerk zusammen, um neue Wege der Bürgerkommunikation zu erschließen. Die Partnerschaft sei ein weiterer wichtiger Schritt, um Nachbarschaften zu stärken und den neuen kommunalen digitalen Kommunikationskanal in der Quartiersarbeit zu nutzen, sagte Birgit Monteiro (SPD), Lichtenbergs Stadträtin für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit. Ihre Abteilung nutzt die Plattform bereits als Kommunikationstool, um mit den über 1000 aktiven nebenan.de-Nutzern in Lichtenberg in Kontakt zu treten.

Mitgründerin Ina Remmers, die von der schwäbischen Alb nach Berlin zog, hat selbst erfahren, wie stiefmütterlich Nachbarschaft heute häufig gelebt wird: „Auch Christian Vollmann, mein Mitgründer und Vater der Idee zu nebenan.de, ist mit seiner Familie in einen anderen Stadtteil Berlins gezogen und kannte niemanden. Das war der Startschuss. Er zog los, um sich den Nachbarn in seiner Straße vorzustellen. Die Reaktionen waren nach einer anfänglichen Skepsis durchweg positiv. Um diese Kontakte nicht wieder einschlafen zu lassen, rief er damals kurzerhand ein Online-Forum für seine Straße ins Leben. Jeder Anwohner kann seiner Nachbarschaft auf nebenan.de beitreten oder sie selbst initiieren – das gilt für Großstädte, aber auch den ländlichen Raum: „Wir leben ja in einer Welt, die unglaublich global ist, die sich wahnsinnig schnell dreht und in der wir uns manchmal nur wie machtlose Zuschauer vorkommen. In meiner direkten Umgebung hingegen kann ich aktiv werden, mit anpacken und mein Leben und Umfeld gestalten. Die Trendforscher nennen diese Entwicklung Re-Lokalisierung“, erläutert Ina Remmers. 

Mit Nachbarschaftsportalen raus aus der Anonymität

Der Anmeldungsprozess in den Nachbarschaftsportalen ist kinderleicht: „Es funktioniert über einen Registrierungsprozess auf unserer Website oder direkt in der App. Jeder Nutzer muss seinen Namen, die Adresse und seine Postleitzahl hinterlassen. Zusätzlich muss er sich verifizieren. Dies geschieht über eine Postkarte, die an die Adresse geschickt wird, über den Personalausweis oder über GPS-Lokalisierung. Damit sind die Daten auch absolut sicher“, sagt Ina Remmers. 

Doch die Nachbarschaft soll sich natürlich nicht nur auf die digitalen Medien beschränken – es geht nur anfangs um die Vernetzung. Im Gegenteil: Durch die Nachbarschaftsportale sollen die Menschen aus ihrer Anonymität geholt werden. Die Portale ähneln zwar sozialen Netzwerken wie Facebook, mit einer Timeline, wo aktuelle Hilfsangebote hinterlegt werden können. Allerdings ist es hier wesentlich lokaler: „Eine Bohrmaschine oder ein Tütchen Zucker leihen oder mal die Leiter hochtragen – all das sind Dinge, die eine gute Nachbarschaft ausmachen und all das passiert natürlich auch bei nebenan.de. Das ist aber noch nicht alles. Die Menschen interessieren sich tatsächlich auch füreinander. Sie treffen sich zu Spieleabenden, geben sich lokale Tipps und Empfehlungen, kochen oder basteln. Alles offline“, so Ina Remmers. 

Im Netz werden immer mehr Nachbarschaftsportale ins Leben gerufen, die Menschen in ihren Vierteln zusammenbringen wollen. Da ist beispielsweise das Portal nextdoor.de, der deutsche Ableger des US-amerikanischen Nachbarschaftsportals nextdoor.com, das im Jahr 2011 in San Francisco gegründet wurde. Seit Anfang 2017 werden die Dienste dieser Plattform auch in Deutschland angeboten. 

Auf nachbarschaft.net sind knapp 1.500 Nachbarschaften in Deutschland registriert. Die Plattform funktioniert nach demselben Prinzip wie nebenan.de. Besonderheit: Auf einer interaktiven Karte können Nutzer einen Umkreis von 2,5 Kilometern selbst definieren, auf dem die Standorte ihrer Nachbarn markiert sind. 

Die Konfetti.app will Nachbarn zusammenbringen, die ihren Kiez gemeinsam gestalten wollen. Das kann von Fußballturnieren über gemeinsames Kochen bis hin zu Frühjahrsbepflanzungen des Kiezplatzes reichen. Und die App fr;)endly Berlin vermittelt Hilfe im Berliner Alltag – ob bei der Fahrradpanne, der Frage nach dem Weg oder jeder anderen Situation, in der man die Hilfe von freundlichen Menschen benötigt. Auf einer Karte werden alle Hilfsangebote in der unmittelbaren Nähe sichtbar gemacht. 

Neue Nachbarschaften für mehr Miteinander in der Stadt

Durch den hohen Zuwachs an Geflüchteten ist auch für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen das Thema ‚gute Nachbarschaft‘ wieder in den Vordergrund gerückt. Um den Zusammenhalt und das gute Miteinander von neuen und alteingesessenen Nachbarinnen und Nachbarn gewährleisten, richtete Anfang 2018 die Senatsverwaltung an insgesamt 20 Standorten mit großen Flüchtlingsunterkünften das Integrationsmanagement "BENN – Berlin Entwickelt Neue Nachbarschaften" ein. 

Dabei ist besonders wichtig, dass BENN beteiligungsorientiert arbeiten möchte. Um zwischen Geflüchteten und Nachbarn ein gutes Zusammenleben zu schaffen, sollen sie gemeinsame Ideen entwickeln, wie einen gemeinschaftlichen Garten oder gemeinsame sportliche Aktivitäten zum Beispiel.


Gute Erfahrungen wurden dabei schon mit dem Städtebau­förderprogramm „Soziale Stadt“ gemacht. BENN greift diese Erfahrungen auf und entwickelt sie weiter. Mit dem Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ unterstützt das Quartiersmanagement seit 1999 benachteiligte Stadtteile, denen droht, von der gesamtstädtischen Entwicklung abgehängt zu werden. Es startete als Pilotprojekt im Bund-Länder-Städteförderungsprogramm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“. Seitdem wird es in der Praxis weiterentwickelt. Städtebauliche Investitionen sorgen für mehr Generationengerechtigkeit sowie Familienfreundlichkeit im Quartier und verbessern die Chancen der dort Lebenden auf Teilhabe und Integration. Ziel ist es, vor allem lebendige Nachbarschaften zu fördern und den sozialen Zusammenhalt zu stärken.

Die Nachbarschaftsplattform nebenan.de steht auch gemeinnützigen Städten und Kommunen offen. Die Stadtverwaltungen können ein offizielles Organisationsprofil anlegen, um sich auf der Plattform als Stadt mit ihren Aktivitäten zu präsentieren. Sie stellen Bürgernähe her, indem sie mit Anwohnern auf digitalem Weg in direkten Austausch treten und die Einwohner ihrer Stadt über relevante Entscheidungen, stadtteilspezifische Veranstaltungen oder verfügbare Fördergelder für bürgerschaftliches Engagement informieren.

Gut funktionierende Nachbarschaft auf engstem Raum

Mit den digitalen Plattformen rücken Nachbarn wieder (digital) enger zusammen – die Anonymität einer Großstadt wird aufgebrochen. Doch bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Berlin Bemühungen, Nachbarschaften neu zu definieren. Die Hufeisensiedlung in Britz galt damals als richtungsweisend. Großsiedlungen versprachen einen Weg aus der sozialen Wohnungsnot, die in Berlin zu der Zeit besonders ausgeprägt war und zudem mussten sie bezahlbar sein. Die Lösung: niedrige Miet- und Baukosten. 

Architekt war Bruno Taut, der die Häuser nach der damaligen Maxime „Licht, Luft und Sonne“ erbaute. Die Kernfigur der Britzer Siedlung, das Hufeisen, wurde als Manifest für das Neue Bauen verstanden. Heute gehört die Siedlung, die eine Mischung aus Einfamilienhäusern und Wohnanlage ist, zum Unesco-Weltkulturerbe. Im Vergleich zu anderen Siedlungen zeichnet sie sich durch ihre überschaubare Größe, ihren Gemeinsinn sowie als neuer Kiez für Kreative aus. Anonymität lässt schon die hufeisenartige Bauweise nicht zu. Hier müssen Nachbarn sich verstehen und das wollen sie auch, und viele andere. Was einst als Arbeitersiedlung gedacht war ist heute mehr als begehrt und Sehnsuchtsort vieler Berlinerinnen und Berliner.
 

Am 29. Mai 2020 wird in Berlin wieder „Tag der Nachbarn“ gefeiert

An diesem Tag kommen Nachbarinnen und Nachbarn überall in der Stadt – ganz analog - zum gemeinsamen Feiern zusammen. Knapp 230 Feste werden es in Berlin sein. Unterstützt wird die Initiative vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Feste in der Umgebung sowie in ganz Berlin findet man unter tagdernachbarn.de. Interessierte bekommen dann über ihre Postleitzahl alle Feste in ihrer Nachbarschaft angezeigt. 

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