Raul Krauthausen von Sozialhelden e.V.

Als Aktivist, Autor, Medienmacher und Moderator setzt sich Raul Krauthausen täglich für die Belange von Menschen mit Behinderungen ein. Mit seinem Verein SOZIALHELDEN setzt er smarte Projekte, wie Wheelmap oder BrokenLifts um - Plattformen, die ihren Nutzern rollstuhlgerechte Orte beziehungsweise defekte Fahrstühle aufzeigen. Krauthausen ist studierter Kommunikationswirt und seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt unterwegs. Virtuelle Orte, die einen wichtigen Teil seiner Arbeit ausmachen. Das Hauptziel seines Engagements liegt jedoch nicht nur im Aufzeigen von Barrieren, sondern in der Bekämpfung von allerlei Hürden für Minderheiten, wofür er und sein Berliner Verein 2013 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekamen. 

Als Aktivist setzen Sie sich für den Abbau von Barrieren ein. Wie steht es aktuell um die Barrierefreiheit in Berlin? Das ist eine schwierige Frage, weil man schauen müsste, an was sich Berlin vergleichen möchte und wie wir den Begriff “Barrierefreiheit” definieren. Denn laut der Definition würde es bedeuten, dass irgendein Ort komplett frei von Barrieren ist, was aber nie komplett passieren wird, sondern ein Ziel, auf das man immer wieder hinarbeiten muss. Zum Beispiel sieht es im ÖPNV von Berlin nicht so schlecht aus. Alle Busse der BVG sind Niederflurbusse und somit schon mal zugänglich. Wenn aber jetzt die Rampe kaputt ist oder der Busfahrer keine Lust hat, dann haben wir die nächsten Barrieren. Leider gibt es auch weiterhin Wahrzeichen der Stadt, die überhaupt nicht barrierefrei sind, wie beispielsweise der Fernsehturm.

Sie haben mit Projekten wie Wheelmap und BrokenLifts Berlin für Rollstuhlfahrer stressfreier gemacht. Wie viele User haben die Seiten mittlerweile? Wir haben bei beiden Projekten Nutzer*innen-Zahlen im vierstelligen Bereich pro Woche, was jetzt vielleicht nicht nach so viel klingt, aber für kleine Projekte schon erheblich ist. Dazu freue ich mich auch sehr, wenn mich ab und zu Berlinerinnen und Berliner darauf ansprechen, dass sie jeden Tag erstmal brokenlifts.org checken, bevor sie zur Arbeit fahren. Bei der Wheelmap haben wir über eine Million markierte Orte und täglich kommen mehr als 300 neue Markierungen dazu. Wir haben da eine sehr rege Community, der wir sehr dankbar sind.

Wo sehen Sie noch Nachholbedarf in Sachen Barrierefreundlichkeit in Berlin? Ich würde mir mehr Zusammenarbeit von Verwaltungen mit Menschen mit Behinderungen wünschen. Denn oft werden die “marginalen” Gruppen bei Planungen vergessen oder zu spät hinzugenommen. Wenn beispielsweise neue Gebäude geplant werden, dann sollte Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werden, weil es dann günstiger ist, als ein späterer Umbau. Da gibt es ja immer wieder realsatirisches Potential, wenn man beispielsweise auf den Bau des Einheitsdenkmals blickt, bei dem der Neigungswinkel für Rollstuhlfahrer*innen zu hoch sein wird.

Nach wie vor sind zahlreiche Bahnhöfe, öffentliche Einrichtungen und Gaststätten nicht barrierefrei. Das ist nicht nur ein Nachteil für Menschen mit Behinderung, sondern auch nachteilig für die Stadt Berlin, mit den vielen Touristen und Familien mit Kinderwägen. Ein nachhaltiger und barrierefreier Tourismus sollte Teil einer smarten City sein. Neben den baulichen Barrieren, sehe ich auch oft bürokratische Barrieren, also leider auch nicht so sichtbare Hürden, wie eine Stufe. Wenn es zum Beispiel um die Beantragung von Sozialleistungen geht.

Sie haben bereits vielen sozialen Projekten zum Erfolg verholfen. Wie wichtig ist das Internet bei Ihrer Arbeit? Die Arbeit im Internet ist eines unserer wichtigsten Werkzeuge, nicht nur weil viele unserer Projekte online existieren, sondern auch, weil wir uns da mit anderen Aktivist*innen vernetzen können. Nichtsdestotrotz ist “das Internet” kein Allheilmittel. Denn durch keine unserer Apps verschwindet eine bauliche Barriere, sondern wir können nur darauf aufmerksam machen. Das Beseitigen der Barrieren muss dann schon analog passieren.

Sie kämpfen seit Jahren für mehr Inklusion. Hat sich der Stand in Deutschland verbessert? Ich habe das Gefühl, dass das Thema Inklusion mehr in der Öffentlichkeit angekommen ist, aber es auch nicht nur positiv gesehen wird. An Schulen sieht man beispielsweise, dass viele Lehrer*innen bereit wären mehr inklusiv zu arbeiten, aber oft fehlt es an Barrierefreiheit, Geld- und Personalressourcen und dann kann sich Frust breit machen. Deswegen müssen wir mehr daran arbeiten, nicht nur das Buzzwort “Inklusion” zu bedienen, sondern uns die Idee dahinter anschauen, dass es darum geht, ein gesellschaftliches Miteinander zu schaffen, in dem Menschen, die Hilfe brauchen, diese auch bekommen. Weg von einer Leistungsgesellschaft, hin zu einer inklusiveren Gesellschaft. Und dafür müssen auch finanzielle Mittel bereitstehen und es politisch gewollt sein.

Smart City bedeutet vor allem Digitale Integration. Profitieren Menschen mit Behinderung davon? Das kommt auf viele Faktoren und Fragen an, ob jemand von den Angeboten profitieren kann. Erstmal müsste man fragen. ob die Angebote überhaupt barrierefrei sind? Dann müsste man auch sehen, welche Probleme denn bei den Smart Cities gelöst werden. Es ist natürlich schön zu sehen, wo es überall Stromzapfanlagen für E-Autos gibt, aber noch keine Übersicht über Behindertenparkplätze; außer in der Wheelmap. Für Menschen mit Behinderungen gibt es noch wenige Angebote in einer Smart City. Bevor wir neue Apps entwickeln sollten wir vielleicht erstmal über die Ethik einer Smart City sprechen und wem damit geholfen wird. Es bringt beispielsweise auch nichts, komplett alles zu digitalisieren und zu glauben, dass sich dadurch alle Probleme lösen lassen. Denn keine digitale Lösung kann bauliche Barrieren abbauen. Eine Stufe bleibt eine Stufe und kann nicht per App beseitigt werden.

Gibt es Best-Practices in Berlin, die Ihnen besonders gefallen? Was mir in Berlin sehr gefällt, ist die Offenheit von großen Unternehmen auch mal mit Vereinen und NGOs zusammen Projekte umzusetzen. Wir waren beim Start von BrokenLifts.org sehr überrascht, wie gut wir mit dem VBB, der S-Bahn und BVG zusammenarbeiten konnten, weil alle dasselbe Ziel vor Augen hatten. Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft mit Unternehmen an anderen Projekten zusammenarbeiten können, beispielsweise bei einer Ausweitung und Professionalisierung von Wheelmap.org.

Sie wurden schon unzählige Male interviewt. Gibt es Themen/Fragen die Sie dabei vermissen? Bei diesem Interview bin ich sehr froh, dass wir nicht auf meine persönliche Behinderung eingegangen sind, sondern schnell Behinderungen und fehlende Barrierefreiheit im Allgemeinen definiert haben. Gerne würde ich aber auch manchmal über andere Themen sprechen, wie Hate-Speech oder auch digitale Kommunikationsformen, die sich entwickeln und verändern. Und viel zu selten werde ich in Interviews gefragt, ob ich noch ein Duplo essen möchte? Die Antwort ist immer: ja.

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft aus? Also in Krauthausen City gibt es natürlich erstmal keine Stufen und Aufzüge funktionieren immer. Die eigenen Projekte wie Wheelmap.org und BrokenLifts.org wären obsolet. Wie schon am Anfang beschrieben, wäre für mich eine Teilhabe an der Stadtentwicklung für alle Menschen sehr wichtig. Wie können wir es schaffen, dass Forderungen von BürgerInnen und Bürger nicht nur alle vier oder fünf Jahre durch Wahlen geäußert werden können, sondern durch Umfragen und Abstimmungen, beispielsweise bei Tempolimits in der Stadt? Besonders diese Form der digitalen Teilhabe sehe ich bisher kaum umgesetzt. In Krauthausen City werden smarte und digitale Lösungen nicht nur für die nächste Million-Euro-Investment-Runde entwickelt, sondern um Menschen das Leben wirklich zu erleichtern.

Könnten Sie bitte folgenden Satz beenden: „Berlin ist smart, weil… die Stadt seit Jahren versucht neue Projekte auszuprobieren und auch mit wenigen Mitteln neue Ideen umzusetzen. Berlin wäre noch smarter, wenn sie öfters mal auf Aktivistinnen und Aktivistensowie Expertinnen und Experten bei verschiedenen Themen hören und sich nicht in politischen Kleinkriegen verlieren würden.

Vielen Dank für Ihre Zeit!