Prof. Jochen Rabe, Smart City Berlin

© ECDF/PR/Felix Noak

Prof. Jochen Rabe vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin

Prof. Jochen Rabe ist Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Wasser Berlin (KWB) – und somit Fachmann in Sachen Wasser. Auch mit dem Thema Intelligente Stadt kennt er sich als Mitglied der Dialogplattform Smart City im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und Mitglied zahlreicher Fachjurys ausgesprochen gut aus. Seit September 2020 ist Jochen Rabe außerdem Mitglied im Berliner Smart City-Strategiebeirat. Und bereits seit 2016 lehrt er an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) als Professor des Einstein Center Digital Future (ECDF) zum Thema „Urbane Resilienz und Digitalisierung“. Wir sprachen mit ihm über intelligentes Wassermanagement, die Partizipation von Bürger*innen beim Aufbau digitaler Städte und die Stadt der Zukunft.

Herr Prof. Rabe, seit diesem Jahr sind Sie Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Wasser Berlin.  Was genau macht das KWB? Und welches ist seine Zielsetzung?

Das KWB ist in erster Linie ein außeruniversitäres Forschungszentrum. Wir machen – grob gesagt – Wissenschaft entlang des Wasserkreislaufs. Wasser ist ja bekanntlich überall. Darüber hinaus hat es als gemeinnützige GmbH mit den Gesellschaftern Berlinwasser Holding, Technologiestiftung Berlin und Berliner Wasserbetriebe den Auftrag, in der vielfältigen Stakeholder-Landschaft in Berlin-Brandenburg, aber auch darüber hinaus, eine Scharnierfunktion einzunehmen. Das bedeutet vorrangig, die Player entlang von Innovation untereinander zu verbinden. Neudeutsch nennt man das auch „Think-Tank“.

Welche Bedeutung hat Wasser für eine Stadt wie Berlin?

Eine existenzielle! Ohne Wasser geht in fast allen Bereichen des Lebens und auch der Wirtschaft nichts. Eine der heißesten Debatten rund um den Bau der Teslafabrik in Grünheide etwa entspann sich darum, wie und in welchen Umfang dort Wasser entnommen wird. Ein anderes Beispiel: Die Berliner Straßenbäume haben unter der Trockenheit der letzten Jahre sehr gelitten. Das wiederum hat direkte Auswirkungen auf unser Wohlbefinden in der Stadt. Vegetation mindert den städtischen Wärmeinsel-Effekt – und damit die im Vergleich zum Umland deutlich höheren Durchschnittstemperaturen.

Welches sind die größten Herausforderungen, denen urbane Zentren wie Berlin heute in Bezug auf die Wasserversorgung gegenüberstehen? 

Vorrangig geht es darum, den Wasserkreislauf feiner zu verstehen. Grundsätzlich wissen wir, wie er funktioniert. Ihn aber zu modellieren – und dabei die Auswirkungen des Klimawandels wie Starkregenereignisse oder die bereits erwähnten Trockenperioden zu berücksichtigen, ist nicht ganz einfach. In diesem Zusammenhang wird das Digitale zunehmend wichtig. Sensoren, die immer billiger und besser werden, haben inzwischen auch im Wasserbereich eine hochauflösende Datenlage geschaffen. Wir beginnen, den komplexen Wasserkreislauf besser zu begreifen. Und zwar nicht nur auf der übergeordneten, konzeptionellen Ebene, sondern auch runtergebrochen auf Regionen und Nachbarschaften. Wir können dadurch besser auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren und gezielte Maßnahmen entwickeln. 

Ein Forschungs-Fokus des KWB ist „intelligentes Wassermanagement“. Was ist das?

Ein Beispiel möchte ich ein Projekt nennen, das wir am KWB im Rahmen des EU-weiten Vorhabens digital-water.city koordinieren. In einem Teilprojekt geht es darum, über neuartige Monitoringverfahren umweltschädliche Emissionen aus dem Kanalnetz aufzuspüren und perspektivisch zu verringern. Temperatur-Sensoren detektieren Abwasser-Überläufe an Flüssen. Unser wohl bekanntestes Projekt in Berlin ist allerdings das Projekt Flusshygiene. Wir haben ein Frühwarnsystem entwickelt, das basierend auf Mess- und Wetterdaten plötzliche Verunreinigungen vorhersagen kann, wie sie durch Kanalisationsüberläufe bei Starkregen auftreten. Über www.badegewaesser-berlin.de können sich die Berliner*innen stets aktuell über die Wasserqualität in den Berliner Seen informieren.    

Und wie steht es um die Themen Trink- und Abwasser?

Hier forschen wir unter anderem an einer energiefreundlicheren Auslastung der Klärwerke. Im Rahmen des Berliner Programms für Nachhaltige Entwicklung (BENE) haben wir im Sommer ein Projekt gestartet, bei dem es darum geht, Biomethan und Wasserstoff aus Klärwerken energetisch als „Grünes Gas“ zu nutzen. Im Bereich Trinkwasser ist es spannend zu verstehen, wie Haushalte Wasser benutzen. Trinkwasser ist eine wichtige Ressource, mit der wir verantwortlich umgehen müssen. Wir nutzen hier Daten, die so vor zehn Jahren noch nicht vorhanden waren. Daten, die neue Einblicke gewähren, wie die Bürger*innen Wasser verwenden und wie man die Nutzung dieser Ressource nachhaltiger managen kann. 

Seit September dieses Jahres sind Sie Mitglied des Strategiebeirats der Smart City Berlin. Wie wird Ihre inhaltliche Einbindung aussehen?

Als Mitglied im Expertenkreis der Dialogplattform Smart Cities des BMI habe ich bereits bei der Entwicklung des bundesweiten Förderprogramm „Modellprojekte Smart Cities 2020“ mitdebattieren dürfen. Hauptzielrichtung des Programms ist es, die Zukunftsfähigkeit der Kommunen herzustellen. Ich durfte aber auch den Berliner Förder-Antrag mitschreiben und bin jetzt als Experte für städtische Digitalisierung, für nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung und für Governance bei der Strategieentwicklung dabei. Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt, das Thema Wasser vermehrt in die Diskussion einzubringen. Unter den fünf Umsetzungsprojekten, die bisher in dem Berliner Konzept nur sehr grob skizziert wurden, ist auch ein explizites Wasserthema. Dabei geht es um die Prognose von Starkregenereignissen und ihre Auswirkungen auf die Stadt. Hier ist die Übertragbarkeit der Lösungen von zentraler Wichtigkeit. Denn grundsätzlich sollen andere Städte und Kommunen von den Modellprojekten, die im Rahmen der Smart City Berlin-Strategie umgesetzt werden, lernen können. 

Welche Rolle spielt Vernetzung beim Aufbau smarter Städte – bundesweit und international? Vernetzung ist extrem wichtig. Stadtentwicklung ist in Deutschland eine kommunale Angelegenheit, Digitalisierung hingegen ist global. Nicht jede Kommune hat die Ressourcen, sich dezidiert mit Digitalisierung zu beschäftigen. Umso wichtiger ist es, dass sich die kommunalen Interessen verbinden, um der globalen Herausforderung begegnen zu können. Im Rahmen von „Modellprojekte Smart Cities 2020“ wird daher zurzeit auch eine Koordinierungs- und Transferstelle mit signifikantem Budget vom BMI ausgeschrieben. Die teilnehmenden Kommunen sollen miteinander vernetzt werden, aber auch mit den vielen Kommunen, die nicht bei dem Programm dabei sein können.

Wie können Bürger*innen aktiver in den Aufbau von Smart Cities eingebunden werden? Und welchen Ansatz verfolgt das KWB diesbezüglich? 

Auch hier bringt das Digitale neue Möglichkeiten mit sich. Um ein Beispiel zu nennen: Am ECDF leite ich gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Dr. Florian Tschorsch das Forschungsprojekt BBBlockchain. Zentrales Tool ist eine Online-Beteiligungsplattform, die von den sechs städtischen Wohnungsbeteiligungsgesellschaften unterstützt wird. Hier untersuchen wir, inwiefern die Blockchain-Technologie einen Beitrag dazu leisten kann, die Transparenz, aber auch die Mitentscheidungskraft von Bürger*innen in Stadtentwicklungsverfahren zu erhöhen. Insofern gibt es heute sicherlich viele neue Wege, die Zivilgesellschaft besser, diverser, und inklusiver einzubinden. Das Verhältnis zwischen repräsentativer und direkter Demokratie wird sich dadurch allerdings nicht grundsätzlich verändern – auch wenn sich die Linie dazwischen vielleicht verschieben wird. 

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft aus?

Wenn man in die nächsten zehn bis zwanzig Jahre blickt: Nicht anders als heute – sicherlich mit ein paar neuen Bauten dazwischen. Sie wird aber anders genutzt werden. Die Smart City wirkt sich in erster Linie auf den Betrieb von Städten aus und nur mittelbar auf die urbane Form. Allein die Geschwindigkeit, mit der Digitalisierung voranschreitet, bedeutet, dass man gar nicht so schnell hinterherbauen kann.

Was charakterisiert aus Ihrer Sicht die Smart City Berlin?

Berlin ist eine Metropole mit einer starken Zivilgesellschaft, einer starken Start-up-Community und auch einigen größeren Technologie-Unternehmen. Seine Größe und die vielen großartigen Player eröffnen Berlin die Chance, einen modellhaften Beitrag für die Bundesrepublik zu leisten. Allerdings sind in Berlin auch immer wieder Schwarz-Weiß-Debatten zu beobachten – insbesondere zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Dass die Zivilgesellschaft eine starke Stimme haben muss, wenn es beispielsweise um die Verwendung von Daten geht, ist völlig klar. Aber man sollte miteinander reden und auch ringen, um ein Verhältnis und Regeln zu finden, die für alle Seiten im Sinne des Gemeinwohls funktionieren. Die Digitalisierung ist unaufhaltsam. Es geht jetzt darum, sie nachhaltig und demokratisch zu gestalten. (vdo)