© Rose Time Photography

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Dr. Sigrid Nikutta von der BVG

Frau Dr. Sigrid Nikutta bekleidet seit Ende 2010 als erste Frau das Amt der Vorsitzenden des Vorstandes der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). 2017 erhielt sie den Berliner Frauenpreis für ihr konsequentes und erfolgreiches Engagement für Frauenförderung und Gleichstellung bei den Berliner Verkehrsbetrieben; 2012 folgte die Auszeichnung zur „Managerin des Jahres”. Im Interview mit Smart City Berlin spricht Frau Nikutta über Chancen und Zukunftsvisionen der BVG sowie über die Digitalisierung und Nachhaltigkeit des öffentlichen Nahverkehrs und, warum Berlin hier einzigartig ist.

Was bedeutet Smart City für Sie?

Vernetzte, intelligente und umweltschonende Infrastrukturen sind die Basis für die moderne Stadt von morgen. Denn, damit in einer rasant wachsenden Stadt wie Berlin die Lebensqualität hoch bleibt oder sogar wächst, braucht es smarte Konzepte. Wir müssen mit den vorhandenen Ressourcen, und mit Blick auf das Thema Mobilität ist das vor allem der Platz im Stadtraum, sorgsam und fair umgehen. Wir müssen dem demografischen Wandel immer einen Schritt voraus sein und gute, bezahlbare Angebote für alle Bewohner und Besucher das Stadt schaffen.

Dafür braucht es Innovationsgeist, den Berlin schon immer hatte und als Start-up-Hauptstadt Deutschlands auch heute vielfach unter Beweis stellt. Und dafür gilt es, die Möglichkeiten der Digitalisierung sinnvoll – und verantwortungsbewusst – einzusetzen. Dann gelingt die Smart City, dann bleibt Berlin lebens- und liebenswert.

Wo ordnen Sie die BVG in der Diskussion um smarte Mobilität ein und wo sehen Sie Potenziale beziehungsweise Herausforderungen?

Der öffentliche Nahverkehr ist für mich der Inbegriff smarter Mobilität. Was gibt es Schlaueres, als Fahrgastströme zu bündeln und Menschen mit ähnlichen Zielen komfortabel, günstig und umweltschonend gemeinsam zu befördern?

Busse und Bahnen bilden in Berlin seit über hundert Jahren das grüne Rückgrat der Mobilität. Allein die Verkehrsmittel der BVG werden im Jahr für mehr als 1,1 Milliarden Fahrten genutzt, Tendenz weiter stark steigend. Das zeigt: Bus und Bahn haben Tradition, sind aber alles andere als „von gestern“. Der ÖPNV ist Innovationstreiber, und das muss er in einer schnell wachsenden Stadt wie Berlin auch sein.

Wir können nicht länger zusehen, wie Hunderttausende von Pkw unsere Stadt und unsere Straßen verstopfen. Niemand will auf einem riesigen Parkplatz wohnen. Aber, wenn wir stattdessen Parks und Grünflachen, Raum zum Wohlfühlen wollen, müssen wir auf smarte Mobilität setzen. Das geht in Berlin nur mit der BVG.

In einem Interview mit dem Tagesspiegel beschreiben Sie den Berliner Nahverkehr als den mit Abstand besten in Deutschland – sehen Sie Berlin auch als führend, wenn es um smarte Mobilität geht?

Auf jeden Fall. Und ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass der Berliner Nahverkehr zu den besten weltweit gehört. Nur, dass das den Berlinerinnen und Berlinern, gerade denen, die schon sehr lange oder ihr ganzes Leben hier wohnen, manchmal gar nicht bewusst ist. Ich war vor einigen Monaten in Tokio. Dort haben sie ein riesiges, modernes U-Bahnsystem. Aber nachts fährt da nichts, noch nicht mal ein Bus als Ersatz. Das wäre in Berlin unvorstellbar, hier kommt man wirklich 24/7, an jedem Tag des Jahres, mit den Öffentlichen an sein Ziel.

Aber auf dem Status quo können wir uns nicht ausruhen, so gut er auch sein mag. Und daher sind wir dabei, wenn es um die Erprobung neuer Technologien geht. Zum Beispiel im Bereich autonomes Fahren. In mehreren Projekten testen wir hochautomatisierte Kleinbusse, etwa auf dem Campus der Charité in Mitte und am Virchow-Klinikum. Oder seit ein paar Monaten auch im öffentlichen Straßenland in Tegel. Wir testen die Technik zusammen mit unseren Projektpartnern, vor allem aber unseren Fahrgästen, auf Herz und Nieren. Erste Anwendungsfälle könnten schon in ein paar Jahren die Erschließung von Stadtquartieren und Neubauvierteln sein oder die Anbindung an Endstationen der Schnellbahn

Auch beim Thema Ride-Sharing bzw. -pooling sind wir Vorreiter. Unser BerlKönig ergänzt den Berliner Hochleistungs-ÖPNV mit Bussen und Bahnen durch ein modernes, jeweils individuelles und per App bestellbares Angebot. „ÖPNV on Demand“ sozusagen, denn genau wie bei Bus und Bahn geht es darum, Fahrten und Wege zu teilen und so für Entlastung auf den Straßen, weniger Emissionen und ein grüneres Berlin zu sorgen.

Die BVG bringt immer mehr Elektrobusse auf die Straßen, wie kann der öffentliche Nahverkehr in Sachen Umweltfreundlichkeit noch optimiert werden?

Es stimmt: Im Busbereich ist die Elektrifizierung gerade voll im Gange. Die ersten 30 Serienfahrzeuge sind schon im Einsatz, einige Linien werden inzwischen fast komplett elektrisch befahren. Und die nächsten Beschaffungen laufen bereits, sodass wir 2030 komplett lokal emissionsfrei unterwegs sein werden.

Denn das darf man nicht vergessen: U- und Straßenbahn sind natürlich schon elektrisch, und mit ihnen zwei Drittel unserer Fahrten. Auch bei den Fähren sind vier der Schiffe solar- und strombetrieben. Außerdem haben wir mit unserem Dienstwagenfuhrpark eine der größten E-Pkw-Flotten der Stadt, und auch der BerlKönig wird Ende kommenden Jahres rein elektrisch unterwegs sein – und das alles mit Grünstrom.

Es geht also weniger darum, den öffentlichen Nahverkehr an sich noch umweltfreundlicher zu machen, als darum, noch mehr Berlinerinnen und Berliner vom Umstieg auf Bus, Bahn und umweltfreundliche, ergänzende Sharing-Modelle zu überzeugen.

Mit der von der BVG eingeführten App „Jelbi“ können Verbraucher nun alle Mobilitätsangebote der Stadt in einer Anwendung nutzen – heißt dies, in der Hauptstadt von morgen ist eine Zusammenarbeit der Mobilitätsanbieter unabdingbar?

Bei der ersten Vorstellung der Jelbi-Idee haben wir von einem „Bündnis für die Mobilität von morgen“ gesprochen. Und nichts weniger als das ist es auch. Wir sind zwar überzeugt, dass Busse und Bahnen auch in Zukunft den Löwenanteil der Mobilität in Berlin stemmen werden. Aber moderne, digital gestützte Sharing-Angebote – sei es ein Fahrrad, ein Roller, ein Auto – können eine ideale Ergänzung sein.

Das funktioniert aber nur, wenn der Zugang zu diesen Angeboten einfach und komfortabel ist. Niemand will zwanzig verschiedene Apps für jeden einzelnen Anbieter auf seinem Smartphone haben. Und vor allem will sich niemand bei zwanzig einzelnen Anbietern registrieren und dann für jede Fahrt in jeder App nach Fahrzeugverfügbarkeit, Preis und Verbindung suchen.

Daher bieten wir mit Jelbi eine smarte Lösung aus einer Hand – einmal installieren und registrieren und schon können alle Angebote gesucht, gebucht und sogar bezahlt werden. Einfacher geht es für den Fahrgast nicht. Dass wir damit einen Nerv der Zeit getroffen haben, zeigt die Resonanz im In- und Ausland. Forbes hat sogar von „The New Amazon For Transportation“ geschrieben…

Was können wir in nächster Zeit im Bereich der Digitalisierung/Smart City noch von der BVG erwarten?

Bei Jelbi werden wir nach und nach zusätzliche Anbieter integrieren, damit das Angebot für die Fahrgäste wächst. Und natürlich werden wir auch unsere anderen Apps ständig weiterentwickeln. Sei es die klassische Fahrinfo-App, unsere schlanke Ticket-App oder künftige Neuentwicklungen.

Die Digitalisierung erfasst so ziemlich jeden Bereich eines Nahverkehrsunternehmens – von der Verwaltung, über die Leitstellen bis hin zur Fahrzeugtechnik. Das heißt: Viele unserer Digitalisierungsprojekte bleiben für den Fahrgast unsichtbar. Und doch sind es am Ende natürlich in erster Linie die Fahrgäste, die von einem zuverlässigen Betrieb, moderner Fahrgastinformation und individuell zugeschnittenen Angeboten profitieren. Und genau so soll es ja auch sein: Wir machen die Arbeit, damit die Berlinerinnen und Berliner entspannt an ihr Ziel kommen.

Gibt es Vorbilder innerhalb Europas und wenn ja, welche?

Vorbilder gibt es im Großen wie im Kleinen sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit. Ich erwähnte ja schon Tokio: Die Kollegen der dortigen Verkehrsbetriebe waren ganz fasziniert von dem tollen Nachtangebot hier in Berlin. Und genauso, wie wir diesbezüglich um Austausch und Expertise gebeten werden, machen wir es natürlich anders herum auch: Wenn ein Verkehrsbetrieb in unseren Augen etwas besonders gut macht, schauen wir ganz genau hin.

Unsere Fachleute stehen sowieso im ständigen Austausch und dann wird halt geguckt, wie wir die Erfahrungen und Erkenntnisse für Berlin und die BVG adaptieren können. Denn das darf man nicht vergessen: Jede Stadt ist anders, jedes Verkehrssystem historisch gewachsen und individuell. Was in Berlin super funktioniert, kann für London vielleicht der falsche Ansatz sein. Die Einzigartigkeit ist ja gerade das Spannende am Nahverkehr.

Berlin ist für mich smart weil...

…es so unglaublich wandlungsfähig ist. Weil es weltoffen, technikaffin und abwechslungsreich ist. Und weil es hier viele, viele kluge und kreative Köpfe gibt.